Ausgerechnet nach dem Tag der Hauptversammlung fiel die Aktie von Novo Nordisk auf rund 30 Euro – ein Niveau, das die dramatische Talfahrt des einstigen europäischen Börsenstars eindrücklich unterstreicht. Während draußen die Story rund um Wegovy und Co. ins Wanken gerät, saßen drinnen Aktionäre, Verwaltungsrat und das neue Management auf dem Podium – und die Stimmung war angespannt.
Die Gesamtdividende für das Geschäftsjahr 2025 wurde auf DKK 11,70 je Aktie festgesetzt – was auf dem aktuellen Kursniveau einer Rendite von rund 5 Prozent entspricht. Ein Wert, der in normalen Zeiten als attraktiv gilt, in diesem Kontext aber eher als Symptom des Kursverfalls gelesen wird.
Im Mittelpunkt stand Maziar Mike Doustdar – erst seit August 2025 im Amt, erst der sechste CEO in der 103-jährigen Geschichte des Unternehmens. Er trat an einem schwierigen Moment an: nach einem enttäuschenden Studienergebnis für das Hoffnungsprodukt CagriSema, mitten in einem eskalierenden Preiskampf in den USA und einer Unternehmenskultur, die von außen zunehmend als träge und komplex wahrgenommen wurde.
Doustdar weiß, was auf dem Spiel steht. In seiner Ansprache räumte er ungewohnt offen ein, dass 2025 „ein Jahr des tiefgreifenden Wandels gewesen sei – von einer Phase des Überflusses hin zu einem neuen, deutlich raueren Wettbewerbsumfeld. Das haben die Aktionäre tatsächlich nun schon das vierte Mal gehört, seit dem er im Amt ist. Sein Rezept: Vereinfachung, Fokus, mehr Mittel in die Forschung. Symbolisch dafür steht der Abbau von 9.000 Stellen – die größte Personalreduktion in der Geschichte des Unternehmens. „Die Kosten müssen langfristig nachhaltig sein", sagte er auf die kritische Frage, ob ein solcher Schritt bei einem Jahresgewinn von über DKK 100 Milliarden wirklich notwendig gewesen sei. Die Antwort war eindeutig: ja.
Die Hauptversammlung entwickelte sich über weite Strecken zu einem Tribunal. ATP-Vertreter Mark Jessen hakte nach, warum es Novo Nordisk so schwer falle, neue Therapiebereiche zu erschließen – und ob die Pipeline wirklich wettbewerbsfähig genug sei, um den Vorsprung langfristig zu sichern. Die Dänische Aktionärsvereinigung wurde noch direkter: Mikael Bach fragte, ob das Studiendesign für CagriSema wirklich optimal gewesen sei, ob man die enttäuschenden Ergebnisse nicht früher hätte erkennen müssen – und ob Doustdar die Unternehmenskultur wirklich verändern könne oder ob am Ende doch alles beim Alten bleibe.
CEO Doustdar antwortete, er habe das volle Vertrauen des Verwaltungsrats und wolle nicht reden, sondern liefern. Beim Studiendesign räumte er Learnings ein: Die Erkenntnisse aus früheren Trials seien bereits in das neue REDEFINE-11-Studiendesign eingeflossen.
Ein weiterer kritischer Aktionär, Frank Owen, legte den Finger in eine andere Wunde: Warum würden Milliarden an Dividenden und Aktienrückkäufen ausgeschüttet, während Patienten weltweit keinen Zugang zu Novo-Medikamenten hätten? Und wie erkläre sich ein Anstieg der CO₂-Emissionen um 19 Prozent in einem Jahr, in dem das Unternehmen großspurig Nachhaltigkeitsziele verkünde? Verwaltungsratschef Lars Rebien Sørensen antwortete ruhig: Der CO₂-Anstieg sei auf die neu übernommenen Catalent-Produktionsanlagen zurückzuführen – strukturell eine Übergangsphase. Die Dividendenpolitik stehe nicht gegen Patienteninteressen, sondern sei langfristig ausgewogen.
Die Kapitalallokationspolitik bleibt formal unverändert: rund 50 Prozent des Nettogewinns als Dividende, dazu Aktienrückkäufe von bis zu DKK 15 Milliarden im laufenden Jahr. Doch die Botschaft dahinter ist eine andere als noch vor zwei Jahren: Für 2026 erwartet Novo Nordisk einen Umsatzrückgang von 5 bis 13 Prozent in konstanten Wechselkursen – getrieben durch Preisdruck in den USA und Patentausläufe in internationalen Märkten. Das bedeutet: Wer heute 5 Prozent Dividendenrendite sieht, sollte im Hinterkopf behalten, dass die absolute Dividende in Kronen künftig sinken könnte – sofern die 50-Prozent-Quote konsequent angewandt wird.
Der Verwaltungsrat wurde umfassend erneuert. Drei neue Mitglieder wurden gewählt: Helena Saxon, Ex-CFO von Investor AB und erfahrene Stimme aus der Finanzwelt; Jan van de Winkel, Mitgründer und CEO von Genmab mit tiefer F&E-Expertise; sowie Ramona Sequeira, die sowohl bei Eli Lilly als auch bei Takeda den US-Markt von innen kennt – genau dort, wo Novo Nordisk gerade am meisten unter Druck steht.
Die eigentliche Überraschung des Abends war jedoch eine andere: Poul Weihrauch, CEO von Mars, Incorporated – einem Unternehmen mit 65 Milliarden Dollar Umsatz und 150.000 Mitarbeitern – wird als Board Observer bestellt, mit dem klaren Ziel, ihn 2027 als ordentliches Mitglied zu wählen. Die Botschaft dahinter ist unmissverständlich: Novo Nordisk will mehr Consumer-Marketing-Know-how in den Verwaltungsrat holen – ein Eingeständnis, dass man beim Vermarkten des eigenen Portfolios gegenüber Patienten und Ärzten Nachholbedarf hat.
Alle kritischen Punkte – Kursverfall, Stellenabbau, Dividendenhöhe, CEO-Kulturwandel – wurden vom Management und Verwaltungsrat verteidigt, sachlich begründet und mit Blick auf die langfristige Strategie eingeordnet. Doch ob das reicht, um das Vertrauen der Märkte zurückzugewinnen, steht auf einem anderen Blatt. Novo Nordisk ist weiterhin profitabel, hat eine starke Pipeline und mit der Wegovy-Pille womöglich das wichtigste Produkt seiner Geschichte im Markt. Die Frage ist nur: Reicht das, um aus dem Schatten von Eli Lilly herauszutreten – und den Kurs von seinen Tiefständen wieder nachhaltig zu erholen?