Zinsen und Dividendenaktien: Warum steigende Zinsen so wehtun können
Als die Zinsen stiegen, gerieten die klassischen Dividendenlieblinge unter Druck. Kein Zufall: Dividendenaktien und Anleihen konkurrieren um dasselbe Geld, und manche Dividendenzahler hängen am Zins wie am Tropf.
Drei Kanäle, über die Zinsen wirken
1. Die Konkurrenz: Anleihen werden attraktiver
Wer sichere Zinsen von 3 oder 4 % auf Staatsanleihen bekommt, verlangt für Aktien mit 3 % Dividendenrendite eine bessere Begründung. Das Geld wandert zum Teil um. Besonders betroffen sind sogenannte Bond-Proxies: Aktien mit stabilen Erträgen, hoher Ausschüttung und wenig Wachstum, die sich wie Anleihen verhalten, etwa Versorger, Telekommunikation, Basiskonsum und REITs.
2. Die Bewertung: höhere Zinsen senken den Wert künftiger Zahlungen
Der Wert einer Aktie ist der heutige Wert aller künftigen Zahlungen. Je höher der Zins, mit dem man diskontiert, desto weniger sind spätere Dividenden heute wert. Eine einfache Formel zeigt das, das Gordon-Modell für eine wachsende Dividende:
Wert = nächste Dividende ÷ (Renditeforderung − Dividendenwachstum)
Je länger der Zeithorizont des Wachstums, desto stärker wirkt der Effekt. Deshalb leiden Wachstumsaktien mit weit entfernten Gewinnen noch mehr. Die Grundlagen des Modells stehen im Artikel Bewertung mit KGV, Dividendenmodell und DCF.
3. Die Finanzierung: Schulden werden teurer
Unternehmen mit hohen Schulden müssen auslaufende Kredite zu höheren Zinsen ersetzen. Das zehrt am Cashflow, der für die Dividende da ist. Die Folgen hängen von der Laufzeit der Schulden ab: Wer lange festgeschrieben hat, spürt es später, aber spürt es dann. Prüfe Zinsdeckung und Fälligkeiten.
Wer leidet, wer profitiert?
| Sektor | Wirkung steigender Zinsen | Warum |
|---|---|---|
| REITs | Meist negativ | Höhere Renditeforderung drückt NAV, Refinanzierung wird teurer, siehe REITs bewerten |
| Versorger, Netzbetreiber | Meist negativ | Hohe Schulden, langfristige Investitionen, Bond-Proxy-Charakter. Regulierte Renditen können Zinsen mit Verzögerung weitergeben |
| Telekommunikation | Oft negativ | Hohe Verschuldung bei niedrigem Wachstum |
| Basiskonsum | Gemischt | Stabile Erträge, aber Konkurrenz durch Anleihen drückt die Bewertung |
| Banken | Oft positiv, dann gemischt | Höhere Zinsmarge, später mehr Kreditausfälle, siehe Banken bewerten |
| BDCs | Erst positiv, dann Risiko | Variabel verzinste Kredite erhöhen den Ertrag, Schuldner geraten unter Druck, siehe BDCs bewerten |
| Versicherer | Oft positiv | Höhere Anlageerträge auf neue Prämien |
| Rohstoffe, Energie | Kaum direkter Effekt | Preise und Konjunktur bestimmen das Ergebnis |
Die Tabelle fasst Tendenzen zusammen, keine Gesetze. Entscheidend sind Verschuldung, Zinsbindung und die Frage, ob ein Unternehmen Kostensteigerungen weitergeben kann.
Dividendenrendite gegen Anleiherendite
Ein beliebter Vergleich lautet: Dividendenrendite minus Rendite zehnjähriger Staatsanleihen. Ist sie klein oder negativ, zahlt der Markt für die Aktie wenig Risikoprämie. Das heißt nicht, dass die Aktie falsch bewertet ist, denn Dividenden wachsen, Anleihezinsen sind fest. Der Vergleich sollte deshalb mit dem erwarteten Dividendenwachstum zusammen gelesen werden. Eine Aktie mit 3 % Rendite und 6 % Wachstum ist etwas anderes als eine mit 3 % und 0 %.
Was Dividendeninvestoren daraus mitnehmen
- Bilanzstärke zählt in Hochzinsphasen mehr. Niedrige Verschuldung und lange Laufzeiten sind ein Wettbewerbsvorteil.
- Wachsende Dividenden helfen gegen den Zinseffekt. Wer Dividenden steigert, kann Zinsanstiege teilweise ausgleichen. Siehe Dividendenwachstum.
- Streue über Sektoren. Ein Depot nur aus Bond-Proxies ist eine Wette auf fallende Zinsen.
- Rechne mit Szenarien. Wie verändert sich der Wert, wenn der Zins um einen Punkt steigt oder fällt?
- Vergleiche Alternativen ehrlich. Nicht jeder Euro muss in Aktien. Zinsen sind auch ein Maßstab dafür, was ein Euro Dividende wert sein muss.
Häufige Fragen
Warum fallen Dividendenaktien bei steigenden Zinsen?
Weil Anleihen als Alternative attraktiver werden, künftige Dividenden mit höheren Zinsen abgezinst werden und verschuldete Unternehmen mehr für Kredite zahlen müssen.
Was sind Bond-Proxies?
Aktien mit stabilen Erträgen, hoher Ausschüttung und geringem Wachstum, die sich ähnlich wie Anleihen verhalten, etwa Versorger, Telekommunikation, Basiskonsum und REITs.
Welche Dividendenaktien profitieren von höheren Zinsen?
Tendenziell Banken und Versicherer, weil sie höhere Erträge auf Kredite und Anlagen erzielen. Dieser Vorteil kann durch steigende Kreditausfälle wieder schwinden.
Wie wirkt sich der Zins auf den Wert einer Aktie aus?
Nach dem Dividendenmodell sinkt der rechnerische Wert, wenn die geforderte Rendite steigt. Schon ein Prozentpunkt kann den Wert um zweistellige Prozent senken.
Hinweis: Dieser Text dient der allgemeinen Information und ist weder Anlage-, Steuer- noch Rechtsberatung. Kapitalanlagen sind mit Risiken verbunden, bis hin zum Totalverlust. Die Zahlenbeispiele sind frei gewählt und keine Prognose.