Banken bewerten: KTBV, ROTCE und Kapitalquoten
Banken wirken billig: niedriges KGV, hohe Dividenden. Doch Bankbilanzen funktionieren anders als Industriebilanzen. Wer sie bewerten will, braucht ein eigenes Werkzeug.
Warum Banken anders sind
Eine Bank handelt mit Geld. Ihre Bilanz besteht überwiegend aus Krediten und Einlagen, nicht aus Fabriken. Sie arbeitet mit sehr wenig Eigenkapital im Verhältnis zur Bilanzsumme, oft 5 bis 8 %. Kleine Änderungen bei Kreditausfällen schlagen deshalb stark auf den Gewinn durch. Deshalb stehen neben Gewinn und KGV Kennzahlen im Mittelpunkt, die Rentabilität, Bilanzqualität und Kapitalausstattung messen.
Kurs zum tangiblen Buchwert (KTBV)
Das Kurs-Buchwert-Verhältnis ist bei Banken die Standardkennzahl. Meist rechnet man mit dem tangiblen Buchwert, also Eigenkapital ohne Geschäfts- oder Firmenwerte und immaterielle Vermögenswerte. Diese Positionen helfen nicht, wenn es kritisch wird.
KTBV = Aktienkurs ÷ tangibler Buchwert je Aktie
Eigenkapitalrendite auf tangibles Kapital (ROTCE)
ROTCE (%) = Jahresüberschuss ÷ durchschnittliches tangibles Eigenkapital × 100
Der Markt bezahlt Banken danach, wie gut sie ihr Eigenkapital verzinsen, im Vergleich zu dem, was Anleger verlangen. Eine gängige Faustformel ordnet den fairen Aufschlag auf den Buchwert zu:
Fairer KTBV ≈ (ROTCE − Wachstum) ÷ (Eigenkapitalkosten − Wachstum)
Kapitalquote und Sicherheit
Die CET1-Quote (hartes Kernkapital im Verhältnis zu den risikogewichteten Aktiva) misst, wie viel Puffer die Bank gegen Verluste hat. Aufsichtsbehörden legen Mindestquoten plus Zuschläge fest. Je größer der Abstand zur Mindestanforderung, desto mehr Spielraum für Dividenden und Rückkäufe.
Weitere Kennzahlen
- Cost-Income-Ratio: Kosten geteilt durch Erträge. Unter 60 % gilt als effizient, über 70 % als schwach.
- Zinsmarge (NIM): Differenz zwischen Zinserträgen und Zinsaufwand im Verhältnis zum Vermögen.
- Quote notleidender Kredite (NPL): Anteil der Kredite, die nicht mehr bedient werden, und die Risikovorsorge dagegen.
- Kreditkosten: Risikovorsorge im Verhältnis zu den Krediten, ein Zyklusindikator.
- Ertragsmix: Der Anteil von Zinserträgen gegenüber Provisionen ist wichtig, weil Zinserträge zinsabhängig sind.
Dividenden und Rückkäufe bei Banken
Banken zahlen Dividenden und kaufen Aktien zurück, aber nicht frei. Aufsichtsbehörden prüfen Kapitalpläne und Stresstests, und in Krisen können sie Ausschüttungen beschränken. Das geschah zuletzt in der Pandemie 2020, als Banken in Europa auf Empfehlung ihre Dividenden zeitweise aussetzten. Übliche Gesamtausschüttungen liegen deutlich über der reinen Dividendenquote, weil Rückkäufe dazukommen. Der Shareholder Yield erfasst beides.
Zinsen und Konjunktur
Banken profitieren oft von steigenden Zinsen, weil Kredite höher verzinst werden als Einlagen. Dieser Vorteil schmilzt, wenn Kunden auf verzinste Einlagen wechseln. In Abschwüngen steigen Kreditausfälle. Der Zyklus ist stark ausgeprägt, ein niedriges KGV am Gewinngipfel ist deshalb kein Kaufsignal. Mehr zum Zusammenspiel im Artikel Zinsen und Dividendenaktien.
Checkliste
- KTBV im Verhältnis zur ROTCE: passt der Aufschlag?
- CET1-Quote und Abstand zur Mindestanforderung.
- Entwicklung der Kreditkosten und der notleidenden Kredite.
- Cost-Income-Ratio im Vergleich zu Wettbewerbern.
- Gesamte Ausschüttung aus Dividende und Rückkäufen im Verhältnis zum Gewinn.
- Gewinn über einen Zyklus statt eines Spitzenjahres.
Häufige Fragen
Welche Kennzahlen sind bei Banken am wichtigsten?
Kurs zum tangiblen Buchwert (KTBV), Eigenkapitalrendite auf tangibles Kapital (ROTCE), die CET1-Kapitalquote, die Cost-Income-Ratio und die Qualität der Kredite.
Was bedeutet ein KBV unter 1 bei Banken?
Der Markt bewertet die Bank unter ihrem Buchwert. Das kann eine Chance sein, aber auch auf schwache Rentabilität oder Risiken in der Bilanz hindeuten.
Was ist die CET1-Quote?
Das harte Kernkapital im Verhältnis zu den risikogewichteten Aktiva. Sie misst den Kapitalpuffer einer Bank, auch gegenüber den Mindestanforderungen der Aufsicht.
Können Banken ihre Dividende frei festlegen?
Nein. Aufsichtsbehörden prüfen Kapitalpläne und können Ausschüttungen beschränken, besonders in Krisen und bei knappen Kapitalquoten.
Hinweis: Dieser Text dient der allgemeinen Information und ist weder Anlage-, Steuer- noch Rechtsberatung. Kapitalanlagen sind mit Risiken verbunden, bis hin zum Totalverlust. Die Zahlenbeispiele sind frei gewählt und keine Prognose.